ZDF, Planet e, 27.3.2022 

Die Städte der Welt müssen sich neu erfinden. Nur so wird es gelingen, künftig Klimaneutralität zu erreichen. Vicente Guallart, ein Architekt aus Barcelona, möchte die Landwirtschaft zurück in die Großstädte holen. Auf Dächern und Häuserwänden soll Photovoltaik zum Einsatz kommen. Die oberste Etage wird zum Gewächshaus, und das Gemüse kann dort erzeugt werden, wo es auch gegessen wird: in der Stadt selbst.

Mit grünem Wasserstoff könnte man einen ähnlichen Weg beschreiten: Wohnhäuser sollen zu sauberen Energieversorgern werden. Der Überschuss an Wasserstoff würde dann etwa für Schwertransporte zur Verfügung stehen. Visionen der Zukunft, die in Esslingens neuer Weststadt erprobt werden.

Das Architekturbüro von Arno Brandlhuber B plus (B+) lockt die Branche mit ungewöhnlichen Vorschlägen gern aus der Reserve. Intelligente Konzepte für Städte von morgen setzen auf die konsequente Umnutzung vorhandener Gebäude. Denn es ist klar: nur so lassen sich die Klimaziele überhaupt erreichen.

https://www.zdf.de/dokumentation/planet-e/planet-e-staedte-der-zukunft-100.html

Die Erstausstrahlung im ZDF in der Dokumentationsreihe planet e war am 27.03.2022.


Wie sieht die Stadt von morgen aus?

Architektur- und Stadtplanung stehen vor den größten Herausforderungen, die es je gab: sie müssen nicht weniger als die Welt retten. Baustoffe sollen künftig aus der Umgebung kommen. Am besten nur noch aus nachwachsenden Rohstoffen. Noch besser: so wenig neu bauen wie nur möglich. Lieber bestehende Substanz weiter nutzen.  Denn nur so erreicht man die Klimaziele, weiß der Architekt Arno Brandlhuber.

Noch einen Schritt weiter geht Vicente Guallart. Der Architekt aus Barcelona möchte die Landwirtschaft selbst in die Großstädte holen. Gemüse soll flächendeckend dort erzeugt werden, wo es auch gegessen wird: in der Stadt. Für Xiong’An, ein riesiges Neubaugebiet bei Peking, plant Guallart derzeit eine Stadt, die Co2 absorbiert anstatt es auszustoßen: „Bäume absorbieren Co2. Wir wollen Gebäude bauen, die wie Bäume sind, und Städte, die wie Wälder funktionieren.“

Guallarts bevorzugter Baustoff ist Holz. Vicente Guallart ist auch Leiter des Valldaura Labs, einer experimentierfreudigen Abteilung für angewandte Architektur der katalanischen Universität. In den Hügeln über Barcelona werden neue Konzepte zur Verbindung von Natur und Urbanität erprobt. Das wichtigste dafür ist ein Verständnis von Nachhaltigkeit und Kreisläufen, wie sie die Natur vorschreibt.

Energie hausgemacht – Import war gestern

Wirtschaftlich effizient und trotzdem klimagerecht? Darauf setzt man im baden-württembergischen Esslingen: Durch Photovoltaik gewonnener Ökostrom dient dort der Wasserstoffspaltung. Dieser „grüne Wasserstoff“, und das ist bisher einmalig auf der Welt, wird in Wohnquartieren erzeugt. Damit könnte auf lange Sicht Unabhängigkeit von importierten Energieträgern erreicht werden. In Esslingen steht der Elektrolyseur, das ist das Gerät, in dem der Wasserstoff gespalten wird, direkt neben der Tiefgarage in der Neuen Weststadt. Der Wasserstoff geht an Lasttransporte und die Industrie. Die Häuser der Weststadt aber speisen aus dem Kühlwasser des Elektrolyseurs den Bedarf an Heizung und Warmwasser. So könnte künftig in Wohngebieten erzeugte Energie eine emissionsfreie Mobilität und Industrie für die Stadt ermöglichen.

Laborstädte – der Weg in die Zukunft

Wie sich die Städte von morgen entwickeln, ist auch für Konzerne ein wichtiges Thema. Einige große Firmen bauen sogar eigene Städte, die als Laborstädte fungieren.

Hier ist Japan ganz vorne mit dabei: Für den Mobilitätsgiganten Toyota entsteht direkt am Mount Fuji „Woven City“, eine „gewebte“ Stadt, in der Verkehrsebenen getrennt werden und sich überlagern. Gebaut mit viel mit Holz. 2000 Menschen sollen in diesem „lebendigen Labor“ leben. Animationen zumindest zeigen ein idyllisches Miteinander mit viel Grün, in dem Bewegungen der Bewohner aber gemessen werden. Ähnlich verhält es sich auch in den Städten von Panasonic. Der japanische Elektro-Konzern hat bereits seine dritte nachhaltige Smart City eingeweiht. Städte wie diese erlauben es der Firma, über Produktentscheidungen Feldforschung zu treiben, direkt bei den Verbrauchern. James Kuffner, CEO der Woven Planet Holdings, ist optimistisch: „Wir nutzen künstliche Intelligenz… Wir können so eine Art digital Twin (einen digitalen Zwilling) herstellen, der uns Schlüsse auf die Stadt der Zukunft ermöglicht, zum Beispiel in Bezug auf die Verkehrsplanung oder die Versorgung mit Nahrung oder Energie.“ Digitale Zwillingsschwestern und -brüder helfen bei der Planung der Städte von morgen.


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